Okulare selbst gebaut

Viele Sternfreunde schleifen mit Begeisterung Spiegel, die oft mehr kosten als ein gekaufter gleicher Größe. Warum sich aber so wenige ihre Okulare nicht selbst bauen, steht wohl in den Sternen. Oft geben Hobbyastronomen für ihre Okulare ebenso viel oder mehr aus, als ihr gesamtes Teleskop kostete. Das ist so, als würde sich jemand eine teure High-End HiFi-Anlage kaufen und daran billige Kleinlautsprecher anschließen. Dabei ist es leichter - und vor allem wesentlich preiswerter- , ein gutes Okular selbst zu bauen, als einen guten Spiegel zu schleifen.

Woher nehmen und (fast) nichts bezahlen?

Ich schleife natürlich keine Linsen selbst , aber solche bekommt man ja aus allen m öglichen Quellen in fast allen Brennweiten und Qualitäten nachgeworfen. Also kaufe ich bei Ebay oder auf dem Flohmarkt für selten mehr als  5 € z.B. Ferngläser, Billigteleskope (wegen der Steckhülsen, die oft aus Metall sind), Projektoren ,defekte Digitalkameras oder alte Spiegelreflexkameras bzw. deren Objektive, alte S8-Kameras mit Zoom-Objektiven (wahre Schatzkammern, wenn sie z.B. von Braun-Nizo oder Canon sind) und die dazugehörigen S8-Projektoren mit teils herausragenden Objektiven. Da sind oft selbst asphärische Linsen dabei, wie sie in hochwertigsten Okularen verbaut werden.

Alles wichtige über Okulare kann man auf folgenden Seiten nachlesen:

Okulartypen Okularlexikon Einsatzgebiete Okularparameter

1. Okulare adaptieren- man muss ja nicht gleich selber bauen.
 
Vor allem für gute Okulare der Mittelklasse lohnt es, solche aus Ferngläsern auf ihre teleskopische Brauchbarkeit zu testen. Die heutigen Kompaktferngläser verfügen oft über ausgezeichnet drei-,vier-, teilweise sogar fünflinsige Okulare. Schnell sind diese in eine Steckhülse eines ausgebauten Billigokulars Marke "China" eingebaut. Meist muss man noch etwas schwarze Farbe einsetzen, um die Tubusinnenwand zu schwärzen, aber das war´s auch schon.

Von links:
+ WW-Okular aus einem Lidl-Fernglas auf 31,7mm-Steckhülse geklebt
+ Kellner-Okular aus einem Fernglas in Filmdose geschraubt
+ Plössl - Okular aus einem Dachkant-Military-Glas auf Steckhülse geklebt

Je nach Kostenaufwand für die "Quelle" kommt ein solches Okular zwischen 5€ und 15€. Ein äquivalentes Plössl würde z.B. gut 50€ kosten.


Testaufbau für ein modifiziertes fünflinsiges Erfle-Okular

2. Okularbau - Erst sezieren, dann analysieren und dann "pröbeln".

Hat man einige Rohmaterialien zerlegt und daraus eine gewisse Anzahl Linsen gewonnen, kann es losgehen. Wie beim Spiegelschleifen auch, wo man mit einem 15cm- oder 20cm-Spiegel beginnen sollte, wäre es sicher falsch gleich einen "Nagler-Nachbau" zu versuchen. Am besten ist es, dabei ein wenig erlebte Astronomiegeschichte zu betreiben. Also sollte man auch mal ausprobiert haben, wie Galilei oder Kepler durchs Fernrohr geschaut haben, ersterer mit einer bikonkaven, letzterer mit ein bikonvexen oder plankonvexen Einzellinse. Schnell wird man dann verstehen, warum man bessere Okulare dringend brauchte und warum deren "Erfinder" als Namensgeber bis heute in Ehren gehalten werden: Hugyens, Mittenzwey, Ramsden, König, Erfle, Plössl u.s.w. - nur Ernst Abbe, der Erfinder des orthoskopischen Standardokulars für astronomische Zwecke, wird eher selten mit diesem namentlich in Verbindung gebracht.


3. Erster Durchblick

Der Bauplan der Okulare ist ja (meist) kein Geheimnis, außerdem kann man selber herumexperimentieren, lernt eine Menge dabei und stellt fest, dass die Standardtypen so eine Art "Evolution der Okulare" beschreiben. Mit Optikprogrammen arbeite ich nicht, weil das zu zeitraubend ist. Außerdem bringt es letztlich gar nichts, weil man ja die optischen Parameter der Glasteile eh nicht ändern kann. Lediglich hinsichtlich der Abstände könnte man da vorwärts kommen, was aber viel schneller mit "Pröbeln" geht.Das Erzielen von entsprechenden Austrittspupillenhöhen oder Gesichtsfeldgrößen geht am besten und schnellsten, wenn man durchschaut und selbst feststellt: so jetzt passts. Bis zu den Vier- bis Fünflinsern halte ich die Linsen einfach dazu in der Hand. Zum Test - ob sich eine Kombination lohnt baulich weiter verfolgt zu werden- benutze ich zunächst einen 76/700 - Spiegel, der - da 1:10 -ein ordentlich ausgeleuchtetes ebenes Feld hat.   

4. Beispiel

Und hier ein fertiges Okular, das in eine ausgeschlachtete Okular-Metallhülse mit Plastikkopf von einem Optus-Teleskop eingebaut wurde. Die Aufschrift täuscht also. Statt des ehemaligen "4mm-Billig Okulars" bestehend aus zwei schnöden unvergüteten Linschen, die wirklich nur zum Wegwerfen taugen, ist jetzt ein vollvergütetes modifiziertes orthoskopisches Okular eingeklebt, das locker mit gekauften Super-Plössln mithalten kann und diese in punkto Kontrast sogar noch schlägt. Das Grundelement stammte aus einem S-8-Schmalfilm-Projektiv und ist deshalb sehr gut auf Streulichtvermeidung konstruiert worden. Es hat nur noch eine zusätzliche achromatische Augenlinse aus dem Objektiv einer geschrotteten HP-Digitalkamera bekommen müssen, um als Okular zu taugen, das im Übrigen randscharf abbildet. Natürlich sind alle Linsen vollvergütet.

5. Herr Nagler lässt grüßen

Natürlich reizt es auch, jene Okulare nachzubauen, die als LV, UWA, Speers-Whaler, oder Nagler-Systeme bekannt wurden. Sie besitzen meist ein achromatisches, einer Barlow-Linse ähnelndes Element, das vor der eigentlichen Okularkonstruktion sitzt und das das größte Problem darstellt. Geeignete Linsengruppen finden sich jedoch als Teil von Fotoobjektiven, wie sie bei Kameras mit Compurverschlüssen in den 50er und 60er Jahren eingebaut wurden. Man kann ein solches Element sogar recht erfolgreich als Einsteckteil in bereits vorhandene Okulare ausführen, um deren Brennweiten zu verkürzen.

Links ist ein neunlinsiges, fünfgruppiges System dargestellt, das aus dem zweilinsigen Barlow-Element links, einer einlinsigen Feldlinse, zwei achromatischen Korrekturelementen und einer ebenfalls achromatischen zweilinsigen Augenlinse besteht.

6. Tipps und Tricks

Rasch wird man feststellen, dass möglichst keine Linsenfläche im exakten Brennweitenabstand einer anderen Linse liegen soll. Man würde alle Verunreinigungen oder Kratzer unausweichlich permanent scharf sehen. Lässt sich das nicht umgehen, helfen nur improvisierte Reinraumbedingungen.
Als Abstandshalter eignen sich entsprechend abgelängte Arzneimittelröhrchen oder Ringe aus schwarzem starkem Papier oder Offset-Aluminum.
Zur Reinigung der Teile verwende ich Sidolin-streifenfrei mit destiliertem Wasser verdünnt.
Hat man eine gute Linsenkombination gefunden, sollte man alle Linsenkanten schwärzen (s. links) . Ich verwende dazu verdünnte schwarze Dispersionsfarbe, weil diese im Verarbeitungszustand wasserlöslich ist und auch eingetrocknet leicht abgeschabt werden kann, sollte mal ein Tropfen davon auf die polierte Oberfäche gelangen.