Selbstbau einer E-Gitarre (Neck-Through-Body-Style)

Nach diversen - meist erfolgreichen -Restaurierungsarbeiten und Umbauten an meinen Gitarren ließ mich die bescheidene Witterung im August 2010 früher als gedacht an den Eigenbau einer Gitarre denken. Da ich dafür absolut wenig bis nichts ausgeben wollte, verwendete ich ausschließlich Materialien, die sich in den heimischen Kellerräumen/Werkstatt vorfinden ließen oder kleinere Vorräte an Gitarrenbauteilen, die entweder aus zerlegten Instrumenten, Sonderposten oder Internetverkäufen stammten.
Eigenbau von E-Gitarren

Es war einmal ein Massivholzlattenrost, der eigentlich im Kamin enden sollte. Sein (oder mein) Glück war: es war ja noch nicht Winter. So lag er in meiner Holzwerkstatt herum, bis ich auf die Idee kam, daraus so etwas Ähnliches wie eine Gitarre zu "schnitzen". Weil die Bretter einen Meter lang waren und nur 9cm schmal, dachte ich zunächst an eine Shredneck. Da diese im wesentlichen "nur aus Hals" besteht, suchte ich zwei von der Maserung und dem Verlauf der Jahresringe einigermaßen zusammenpassende Latten aus und leimte sie unter hohem Druck zusammen. Das Ergebnis war einigermaßen passabel und das Teil wies keinerlei Verdrehungen oder Spannungen auf. Auch waren die Jahresringe fast genau um dier Halsmitte zentriert. Ende des ersten Tages (1 Stunde Zeitaufwand mit Herumkruschteln und Sachen zusammensuchen)

Um die späteren Dimensionen besser abschätzen zu können, wurden nun die Kernmaße einer 65cm-Mensur von einer anderen Gitarre mit 24 Bünden übertragen.  Leider enthielten die Bretter an etlichen Stellen Löcher, aber die sind mit etwas Holzkosmetik später nahezu unsichtbar zu machen, oder werden gleich sinnvoll genutzt, ....... ....um z.B. die Wirbelstangen aufzunehmen. Da ich zwei preiswerte Dreier-Wirbelplatten hatte , verzichtete ich auf den Kauf teurer Einzelmechaniken für E-Gitarre. Die Gitarre sollte ja auch vom Stil etwas Eigenständiges werden und möglichst viele Konventionen über den Haufen werfen. Wie z.B......
der Verzicht auf einen Halsstab. Klassische Gitarren haben auch nicht immer einen. Also: Aussägen der Grobform der Kopfplatte .... ...und des Halses. Und spätestens da meldeten sich doch einige ästhetische Bedenken gegen ein solches "Nur-Brett-Design"..... ...zumal ja noch genug Lattenrostholz herumlag. Aber zunächst galt es die Lage der Pickups festzulegen und....
die entsprechenden Streifen einzusägen und vorsichtig... ..mit einem Stemmeisen und einem mulmigen Gefühl im Bauch das überschüssige Holz herauszustemmen. Feinarbeit mit der Raspel war dann gefragt.
Die Löcher für die Stimmwirbel werden so genau wie möglich angezeichnet und gebohrt. Und - oh Wunder- die Mechaniken passten beim ersten Mal problemlos hinein. Ende des zweiten Tages (3 Stunden) Nun ging es erst einmal dem Hals mit einem groben 45 Grad Gehrungsschnitt "an den Kragen".
Den Besuch eines Fitnesstudios ersparten die nächsten Stunden mit der Raspel, das war eine ziemlich Schweiß treibende Angelegenheit, denn alle scharfen Kanten mussten nun möglichst nah.. .... ....an die spätere Endform herangebracht werden. Dabei schwang auch immer die Angst mit, dass durch einen falschen Zug das Holz entlang der Maserung wegsplittern konnte und damit alles von vorne hätte losgehen müssen. Die nächsten Stunden war hingegen wieder Feinmotorik gefragt als es um die Gestalt der Kopfplatte ging. Sie bekam zunächst auch erst einmal eine 45 Grad-Gehrung.
Mit 3,5cm war sie entschieden zu dick für die Wirbel. Diese hätten nichteinmal oben herausgeschaut. Wie soll man da Saiten aufwickeln können? Also kurzzeitig wieder Gewaltanwendung mit Hammer und Stemmeisen und dem bangen Kribbeln im Bauch keinen Fehlschlag zu machen. Aaaah!! Gelungen.....bis auf den Fehlschnitt links oben, der auf das Konto eines vorangegangenen misslungenen Formgebungsversuchs mit einer Säge stammte und ein bisschen "restauriert" werden musste.
Nun wurde vorsichtig der Sattelübergang herausgesägt. Und dann reifte der Gedanke, dass eine "Nur-Hals-Gitarre" doch etwas wenig wäre,.... ... so bekam der Hals rechts und links bzw. oben und unten zwei hölzerne Ohren verpasst. Aus der Shredneck war ein Neck-Through-Body-Typ geworden. Ende des dritten Tages (4 Stunden). Aus den Seitenteilen entwickelte sich eine abenteuerliche Korpusform. Also erst mal aufzeichnen......
....aussägen und dann wieder... raspeln, raspeln, raspeln und hoffen, dass nichts dabei schief geht. Das schaut doch schon recht ordentlich aus - und verrückt obendrein.
Wegen Muskelkater und Regenwetter war nun eine eintägige Pause fällig, in der einige Löcher und Kratzer im Holz, die kosmetisch behandelt werden mussten, trocknen konnten. Ende des vierten Tages (4 Stunden) Den nächsten Schritt wollte ich mangels einer leistungsfähigen Staubabsaugung nicht der Kellerwerkstatt zumuten. Zwei Schwingschleifer und diverse Schmirgelpapiere unterschiedlicher Korngrößen.... .... rückten im Freien "der Schönen" nun von allen Seiten auf den Pelz. Zwar kamen dabei auch wieder einige Aststellen zum Vorschein, was aber in Anbetracht des 0-Euro-Holzpreises nicht die Stimmung vermiesen sollte.
Ziemlich schwer ließ sich die Kopfplatte bearbeiten. Da wird wohl wieder eine muskelkaterträchtige Handarbeitsschicht fällig werden. Alles passt noch und der Hals samt Kopfplatte sieht doch schon sehr schön aus. Er wird ein variables Profil bekommen (teils D-Shape, teils Soft-V-Shape) Die Pickups (zumindest deren Kappen) passen auch schon. Aktuell habe ich einfach zwei P90 Single-Coils herumliegen und die kommen halt mal rein.
Ein extra gefertigtes langes Schleifbrett geht den Höhen und Tälern , die beim Arbeiten mit den Schwingschleifern zurück blieben im Zehnntelmillimeterbereich an den Kragen . Für´s erste soll das mal genügen, denn mehr und mehr kreisen die Gedanken schon um die Elektrik. Wohin sollen der/die Schalter? Wohin soll die Klinkenbuchse?.... Eine weitere Entscheidung fällt hingegen nicht schwer: es gibt kein Tremolo. Erstens hab ich keines herumliegen und ein Kauf wäre teurer als alle bisherigen Kosten dieser Recycling-Gitarre zusammen.
Uff! Ende des fünften Tages (3 Stunden)
Nachdem ich mich entschieden habe, Schalter und Klangregelung in Verlängerung des Hals zu platzieren, müsste eine einzige - allerdings 35 cm lange Bohrung genügen, um die im Gurtpin sitzende Klinkenbuchse mit den Schaltern und den Pickupschächten zu verbinden. Die Öffnungen für die Schalter werden ausgefräst. Es gibt einen klassischen Pickup-Wahlschalter für Hals-Beide-Steg-Position ..... ... und einen 2-Etagen- 5-fach Drehschalter mit Kondensatoren für die Klangregelung anstelle eines Potis.
Hier werden die Löcher für die Saitendurchführungen gebohrt. Das erspart einen teuren geschraubten Steg, denn der wird wie bei einer klassischen Gitarre aufgesetzt. Die Saiten werden durch den Korpus geführt .... ...und finden in Niethülsen preiswerten und guten Halt. Nun steht also nichts mehr im Wege, der Gitarre den ersten Ton zu entlocken. Dazu muss nur.... ..... noch eine Nut für den Nullbund eingesägt und dieser vorsichtig eingedrückt werden.
Wie erwähnt sind die Löcher für die Saitenaufnahme nicht auf der Wirbelplatte sichtbar. Mit einem 1,5mm Bohrer werden deshalb rasch sechs neue Löcher gebohrt.

Als provisorischer Steg taugt einstweilen ein Stück Palisanderholz und die (eigentlich funktionslosen) Bridgepins machen sich auch schon recht dekorativ. Das sichtbare Loch dient wie gesagt nicht etwa einem Halsstab als Behausung sondern ausschließlich der Verkabelung.

Damit wird erreicht, dass eine einzige Bohrung alle elektrischen Bauteile verbindet und die Korpusrückseite völlig ohne Abdeckkappen, Schrauben und dergleichen ist und dadurch in der Ästhetik nicht gestört wird.

Ein P90Single-Coil wird testweise in den Schacht gelegt und dann....First Sound (über Laney A-1 clean) Ende des sechsten Tages (4 Stunden).

Als Nettogewicht ergeben sich momentan 1320 g ! Mit den Pickups, Abdeckkappen, Schaltern, Gurtpinbuchse und Saiten wird das Gewicht dennoch unter 2 kg bleiben und in jedem Falle die Bandscheiben schonen. Die heiße Phase beginnt:
648er-Mensurtabelle aus dem WWW laden und auf den Hals übertragen. Ich habe an beiden Kanten markiert, das sollte automatisch rechtwinklig zur Halsrichtung liegende Bünde ergeben.
Das Einsägen ist eine mehr als kribbelige Angelegenheit. Ich habe natürlich keine teuren Bundsägen aber die Billigheimer aus dem Baumarkt ..... ....gehen auch , wie man am Ergebnis sehen kann. Nun müssen die Medium-Jumbo-Bundstäbchen vorsichtig etwas flacher geklopft werden, da mein Hals keine solche starke Wölbung aufweist.
Die Bundstäbchen werden mit einer Zange grob abgelängt. ....... .....und zunächst einmal der Reihe nach auf den Hals gelegt. Nun müssen die Enden noch mit einer Feile im Winkel von ca. 40 Grad abgeschliffen werden.
Jetzt werden die Stäbchen mit einem zum "Filzhammer" mutierten Schlaggerät eingeschlagen. Bei der Gelegenheit fielen alle noch aufgelegten Stäbchen herunter und beim Zurücksortieren war mir anscheinend nicht..... ......mehr die ursprüngliche Reihenfolge gelungen. Das sollte -allerdings vertretbare - Folgen haben. Immerhin, das Ding ähnelt mehr und mehr einer Gitarre. Zurechtfeilen der Bünde und Ende des siebten Tages (Uff -5 bange Stunden) Nun fehlen noch Steg und Saitenführung (anstelle eines Sattels, den wir wegen des Nullbundes nicht brauchen). Beides wird aus hartem Palisander gesägt und zurecht geschliffen.
Die Saiten werden aufgezogen und vermelden, dass an einigen Stellen etwas nachgeklopft werden muss. Die noch etwas unorthodoxe und nicht ganz korrekt postierte Saitenführung...... .......und der aus zwei Stücken bestehende Nullbund werden gesetzt, denn der Bundstabsatz hatte leider wirklich nur abgezählte 22 Stück..;,-(
Zeit für das Richtfest:
Eine P-90 Seifenkiste wird unter die Saiten in die Aussparung geschoben, die Saiten werden gestimmt und .....es geht jetzt sogar mehr als ein Ton! Ein bisschen Eric und ein bisschen Joe. Ende des achten Tages (2 Stunden)
Die Fieselei beginnt: Jetzt werden die Kabel der Pickups durch die (eine) zentrale Bohrung geführt. Sie müssen erst in die Ausfräsung für den Wechselschalter und werden mit diesem verlötet. Das hat den Vorteil, dass nur ein Kabel zum Drehschalter muss. Es geht nämlich ziemlich eng in den knappen 30mm-Bohrungen zu. Dafür sind die Schalter nicht von der Sorte Billigheimer.
Aus der Bastelschublade werden einige Kondensatoren mit Werten im pF- und nF -Bereich ausgewählt und aufgelötet. In Kombination mit den drei Stellungen des Pickupschalters ergeben sich nun 15 definierte Klangfarben. Die Verbindung zur Klinkensteckerbuchse anlöten und wieder ist ein Tag zu Ende,........ .......der neunte (mit aller Probiererei weger der Kondensatoren und mehrmaligem Verlöten 5 Stunden). Zeit für den nächsten Soundcheck, diesmal mit Pete, (keine Backtracks, das ist nur dieses Brett!)
Nachdem der Gibson-Toggle-Switch recht hoch baut und ich die Öffnung nicht tiefer fräsen wollte, gelangte mal wieder die Raspel zum Einsatz,..... ....um einem Stück Lattenrost die passende Form zu geben. Hierin lassen sich Schalter und Drehschalter schön verschrauben . Provisorisch wird alles mit zwei Gummis gehalten, denn bis zum finalen Auseinanderlegen vor dem Lackieren ist erst mal Winterpause.
10.Tag , nochmals drei Stunden.
Bislang 38 Stunden in zehn Tagen. Man könnte also theoretisch alle 14 Tage eine bauen, wenn man sonst nichts zu tun hätte......Leider habe ich nicht so viele Lattenroste gleicher Qualität. Kosten:
Holz 0 €, Wirbel 12 €, 2 Pickups 24€, Gurtpins und Klinkenbuchse 12€, Saiten 4€, Dreifach-Schalter 12€ , Bundstäbchen 7€, macht zusammen: 71€
Gretchenfrage:
Warum tut man sich sowas an, wo es Billigstrats schon ab 39€uronen gibt !!!!??? Antwort: Ganz einfach, das Ding klingt besser!!